Medium Architektur

Bild-Bericht vom Wintersemester 2018/19

Eine Erkundung des Universitätsgebäudes am Herrengarten

Hakenkreuze in der Uni?

Im Sommer 2017 zog das Medienwissenschaftliche Seminar vom Adolf-Reichwein-Campus in Weidenau in die Nähe des Hauptbahnhofes in das Gebäude Herrengarten 3, wo kurz zuvor die Verwaltung der Universität Siegen ausgezogen war.

Als ich zum ersten Mal das Gebäude durch den Haupteingang betrat, fiel mir in der Geländerfüllung des Treppenlaufs ein Hakenkreuzornament auf. Es ist jeweils in einer Füllung gespiegelt, aufwärts verzerrt und erscheint nur auf dem so genannten Zwischenpodest als horizontales Bild.

Doch handelt es sich bei den Ornamenten im Haupttreppengeländer des Universitätsgebäudes tatsächlich um Hakenkreuze? Oder blicken wir lediglich auf einen ornamentalen Mäander?

Die Treppe besteht aus wuchtigem Stein, die Treppenstufen sind mit Linoleum belegt. Die Treppenfüllung mit dem Ornament ist aus Holz, ebenso wie der wulstige Handlauf der Treppe – beides ist ultramarinblau gestrichen. Es gibt diverse beschädigte Stellen, die erkennen lassen, dass die Holzteile verschiedene Farbschichten hatten.

Im selben Gebäudeteil befindet sich ein weiteres Treppenhaus, das eine eher einfach gehaltene Treppengestaltung aufweist.

Die Eisenkonstruktion im zweiten Treppenhaus (Altbau) nimmt das Muster der Kellerfenster auf, die außen im Grundmauerwerk zu sehen sind.

Ähnlich wuchtig wie die Haupttreppe sind die expressiven Türlaibungen und Tür-Stürze aus scharriertem Steinputz, die von früheren Renovierungsarbeiten offenbar ebenfalls unberührt geblieben sind.

Ornamentale Hakenkreuze und klotzige Türrahmungen – Architektur der NS-Zeit ist meine spontane Assoziation. Umgehend begann ich mit der Befragung der Kolleginnen, Kollegen und der Sekretärinnen im Haus und erkundigte mich auch sporadisch bei Mitarbeiterinnen aus der Universitätsverwaltung, die vor uns jahrelang in diesem Gebäude ein- und ausgingen: Niemand, aber auch tatsächlich niemand hatte die Hakenkreuz-Verzierung wahrgenommen. Lediglich der Hausmeister sagte: „Habe ich gesehen, haben sie bei der Renovierung vergessen zu entfernen, eigentlich ein starkes Stück…“

Wie kommen die Hakenkreuze ins Treppengeländer? Wieso sind sie immer noch dort? Sind historische Verzierungen mit Hakenkreuzen in öffentlichen Gebäuden in Deutschland überhaupt erlaubt? Um diesen Fragen nachzugehen, haben wir uns auf Spurensuche begeben: Wo hatte das Treppengeländer seinen Ursprung? Wer hat es entworfen und vor allem: Mit welcher Intention? Wie sah damals die politische Situation in Siegen aus? Welche Bedeutung hatte das Gebäude in der Stadt und wer bewohnte es zu welcher Zeit? Überlebte das Treppengeländer den Krieg und wurde womöglich im Zuge von Restaurierungsarbeiten in der Nachkriegszeit wieder Instand gesetzt?

Forschungsseminar Medium Architektur:

Zur Architektur- und Kulturgeschichte des Universitätsgebäudes Herrengarten, im Wintersemester 2018/19

Gemeinsam mit Studierenden der Architektur haben die Studierenden des Studiengangs Medienkultur unter der Leitung von Susanne Regener (https://www.mediengeschichte.uni-siegen.de) und Antje Freiesleben (https://geaf.architektur.uni-siegen.de) im Winter 2018 den Versuch unternommen, das Haus am Herrengarten 3 in seiner Bau- und Nutzungsgeschichte zu untersuchen.

In enger Zusammenarbeit mit Ludwig Burwitz, dem mittlerweile pensionierten Leiter des Stadtarchives Siegen, analysierten wir Lagepläne, Baupläne, fotografische Abbildungen und Fachliteratur, um Antworten auf unsere Fragen zu finden. Im Archiv des Finanzamtes haben wir außerdem die Chroniken des Hauses hinzugezogen. Anfang 2000 hatten Angestellte des Finanzamtes in Kleinarbeit die Geschichte des Hauses, Fotografien, Zeichnungen und Geschichten von ehemaligen Finanzbeamten zusammengetragen.

Das Haus neben dem Knappschaftsgebäude wurde im Dezember 1927 als Finanzamt am damaligen so genannten „Herrenplatz“ eingeweiht. Bereits Anfang der 1930er Jahren gab es Pläne, das Gebäude durch einen Anbau zu vergrößern, die durch den Kriegsbeginn jedoch nicht realisiert wurden. Durch die Bombenangriffe im Dezember 1944 stark beschädigt, wurde das Gebäude im Jahr 1947 in Teilen restauriert und wieder als Finanzamt in Betrieb genommen und erst 1951 mit einem Erweiterungsbau komplettiert.

Unsere Forschungsarbeit wurde durch die Tatsache erschwert, dass viele Archivalien des Stadtarchives und des Finanzamtes durch den Zweiten Weltkrieg zerstört wurden oder nicht mehr auffindbar sind. Von den Innenräumen sind faktisch keine Fotografien erhalten – weder vor noch nach 1945. Auch über den Bauherrn, der 1927 zuständig war, konnten keine zielführenden Informationen ausfindig gemacht werden.

Für unsere Recherchen wurden Quellen aus den folgenden Archiven verwendet: Stadtarchiv Siegen (mit herzlichem Dank an Ludwig Burwitz und seinen Mitarbeitern), Landesarchiv Münster, Archiv des Finanzamtes Siegen (besten Dank an Herrn Hillnhüter), Archiv der Knappschaft Siegen sowie Universitätsbibliothek und Teilbibliothek Paul Bonatz.

Durch den Grad der Zerstörung wurde das Gebäude nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die Kategorie der Gebäude mit den größten Kriegsschäden eingeordnet (siehe hierzu Dieter Tröps/Horst Braunöhler, Damals bei uns in Siegen, Siegen 1995, S. 140 f.).

Aus den Unterlagen über den Wiederaufbau, der mit dem heutigen Ostflügel zugleich ein Erweiterungsbau war, geht hervor, dass das Innere des alten Gebäudes mit den beiden Treppenhäusern (dem repräsentativen mit dem Hakenkreuzornament und dem zweiten, östlichen Treppenhaus mit einer weißbemalten Eisenkonstruktion) weitgehend erhalten geblieben war. Das Dachgeschoss hingegen war vollständig zerstört. Die Auflistungen der ausgeführten Handwerksarbeiten aus den Jahren 1950/51 deuten lediglich auf Ausbesserungen hin, was bedeutet, dass beide Treppenhäuser und die repräsentativen Türeinrahmungen im ersten und teilweise im zweiten Stock die Bombenangriffe weitgehend überstanden haben.

Nachdem Ende der 1970er Jahre ein neues, größeres Finanzamt in Weidenau geplant und errichtet wurde, zog das Finanzamt 1982 in das neue Gebäude in der Weidenauer Straße. Seitdem beherbergte der Herrengarten 3 die Universitätsverwaltung sowie das Studierendenwerk. 2017 wurde das Gebäude dann für die Medienwissenschaft, das Graduiertenkolleg, den Sonderforschungsbereich „Medien der Kooperation“ und die Technikräume der Medienpraxis bereitgestellt. Es entstand ein „Medien-Garten“ in der Straße Herrengarten.

In einer einmaligen fachbereichsübergreifenden Zusammenarbeit haben wir gelernt, verschiedene Blickwinkel auf das Gebäude einzunehmen und sowohl architektonische Details innen und außen als auch die Kulturgeschichte des Ortes zu berücksichtigen. Das überlieferte Bildmaterial und die bauaktenkundlichen Quellen sind leider nur von sehr begrenztem Umfang.

Wie in anderen Städten auch, war das Finanzamt in Siegen ebenfalls ein bedeutendes Gebäude. Es repräsentierte die Effizienz der Finanzbehörde und der Ökonomie und so gut wie alle Einwohner*innen mussten es für Einzahlungen und Erstattungen persönlich aufsuchen. Für die kulturelle Bedeutung der Stadt war das Gebäude jedoch nicht so wichtig wie beispielsweise die wesentlich repräsentativeren Schlösser in Siegen. Das zeigt sich daran, dass die Letztgenannten viel häufiger als Postkartenmotive reproduziert wurden und sie für die Stadt  einen stärkeren symbolischen und ästhetischen Wert hatten im Vergleich zum Siegener Finanzamt. Für die Einschätzung der Bedeutung der Ornamente im Treppengeländer haben wir uns eine Kontextanalyse vorgenommen, die das Gebäude und seine nähere Umgebung in den Fokus rückt.

Unsere Themenfelder für die Erforschung der Kulturgeschichte des Gebäudes werden im Folgenden anhand von Bildmaterial dargestellt:

Die Vorgeschichte des Platzes und der Umgebung an der Sieg, die als adelige Herren-Lustgärten im 17. und 18. Jahrhundert genutzt wurden

Die Darstellung des Finanzamtes nach seiner Fertigstellung 1927 auf einer Postkarte und in einer Beschreibung zur Eröffnung des Hauses in der Siegener Zeitung

 

 

Das Ehrenmal der Marine, das 1939 auf dem Platz vor dem Finanzamt stand und ein populäres Postkartenmotiv war

Die Zerstörung des Herrengartens und Fotografien von der Kriegszerstörung Siegens 1944/45

Der Wiederaufbau des Finanzamtes mit Erweiterungsbau (östlicher Flügel) 1950/51

Eine Bildunterschrift aus der Chronik des Finanzamtes von einem Amateur-Historiker verweist auf ein skurriles Detail:

„Der sog. ‚Neubau‘ aus dem Jahre 1950 / 51 (mit ‚Führerbalkon‘)“. Tatsächlich ist im zweiten Stock des Gebäudes am östlichen Teil, an der Ecke zur Hindenburgstraße ein (mittlerweile einsturzgefährdeter) Balkon angebracht. Die Wortwahl des Hobbyisten deutet auf einen alltagssprachlichen Gebrauch unter Finanzbeamten und möglicherweise sogar in der Siegener Bevölkerung hin. War nicht Adolf Hitler bei seinen Auftritten in Städten jeweils auf einen gut einsehbaren Balkon getreten? Vielleicht ist mit dem Wort in Anführungszeichen auch nur eine positive Erinnerung an die Nazizeit Siegens gemeint? Handelt es sich hier um eine Anekdote aus Siegens Vergangenheit, wie das Hakenkreuz im Treppengeländer? In den 1960er Jahren konnte man sich offenbar noch gut daran erinnern.

Das Einkaufszentrum am Herrengarten um 1970

Ansichten vom Herrengarten, 1967, aus: Chronik I (1919-1958) des Finanzamtes, S. 11-14

 

 

Zukunftspläne für die Umgestaltung des Areals Herrengarten

Architekturgeschichte des Gebäudes und des Platzes

Die Architekt*innen haben sich mit den Perspektiven des Gebäudes und den Lageplänen in zwei Zeitschnitten (1927 und 1950) und der Gegenwart beschäftigt. Ferner hat eine Gruppe Modelle für die beiden Zeitschnitte gebaut, die hier fotografisch reproduziert sind. Sandra Knöbel hat das Treppengeländer gezeichnet und auch Detailzeichnungen angefertigt.

1. Lagepläne und Perspektiven (Sarah Bäumer, Valentina Braun und Luisa Marlen Schmidt, Department Architektur, Universität Siegen)

Visuelle Darstellung der baulichen Veränderung des Herrengarten-Areals von 1751-2018. Wir betrachten rückwärts die Geschichte des Herrengartens, von der zukünftigen und gegenwärtigen Situation 2018, über 1963, 1957, 1900 und 1751, im Hinblick auf die baulichen Veränderungen. Im Fokus unserer Arbeit steht nicht nur das Herrengarten-Areal mit dem heutigen Universitätsgebäude, sondern auch die Veränderung des Gebietes im städtebaulichen Kontext. Um prägnante Sachverhalte darzustellen, haben wir uns für drei architektonische Darstellungsmethoden entschieden, den Lageplan, die Perspektive und das Piktogramm.

Lageplan

Unter Lageplan versteht man eine zweidimensionale Aufsicht, meist von einer Stadt oder eines Dorfes, welche sich immer auf einen festgelegten Maßstab bezieht.

Dieser soll kontextuelle Veränderungen der Stadtstruktur visuell verständlich machen sowie Beziehungen von Straßenräumen, Flussverläufen, Gebäudetypologien und Grünanlagen aufzeigen. Die bewusst gewählte Plandarstellung setzt das zu betrachtende Areal in den Fokus. Dadurch werden direkte Zusammenhänge innerhalb der dargestellten Stadtstruktur instinktiv begreifbar.

Die folgende Arbeit konzentriert sich auf das Herrengarten-Areal, was durch die farbliche Hervorhebung des Kernbereiches deutlich wird. Die restlichen Randbereiche besitzen eine reduzierte Liniendarstellung, sodass sie nicht vom Hauptsächlichen ablenken. Durch das Abbilden von unterschiedlichen Zeitabschnitten wird planerisch eine Geschichte erzählt, die sich gezielt mit dem prägnanten Wandel des Areals innerhalb der Jahrzehnte beschäftigt.
(vgl. Quelle: https://schwarzplan.eu/haeufg-gestellte-fragen/was-ist-ein-lageplan/)

Perspektive

Eine architektonische Perspektive stellt mit einem zweidimensionalen Medium eine dreidimensionale Abbildung eines Raumes oder eines Gebäudes dar. Intuitiv erweckt eine solche Darstellung bei dem/der Betrachter*in einen Raumeindruck, ohne dass ein architektonisches Vorwissen vorausgesetzt ist.

Die Perspektiven der folgenden Arbeit dienen zur visuellen Veranschaulichung des Gebäudes in seinen unterschiedlichen baulichen Ausprägungen über den Zeitraum von 1751 bis 2018. Die Abbildungen zeigen das heutige Universitätsgebäude in der gegenwärtigen Situation, dann wie es nach der Zerstörung und dem Wiederaufbau aussah, sowie zu der Zeit seiner Entstehung. Zu erkennen ist einerseits die Erweiterung des Gebäudes im Laufe der Zeit, andererseits die Änderungen der heutigen Eingangssituation sowie die Materialität der Fassade. Die Wahl der Darstellungsform dient ergänzend zu den Lageplänen als detailliertere Veranschaulichung der Veränderung des Gebäudes.

(vgl. Quelle: https://janaszek.de/formen-der-perspektive/)

Piktogramm

Das Piktogramm ist eine Darstellungsform, die in reduzierter und abstrakter Art und Weise Sachverhalte, Objekte etc. verständlich abbildet. Definiert wird es auch als „ein geschriebenes Bild“, das ohne Sprache oder kulturellen Hintergrund funktioniert.

Das Piktogramm der folgenden Arbeit ist eine Explosionszeichnung, die den direkten Vergleich der unterschiedlichen Zeitabschnitte ermöglicht. Dies erlaubt dem Betrachter die baulichen Zusammenhänge schnellstmöglich visuell zu erfassen.
(Quelle: https://www.pixopolis.de/magazin/design/piktogramme/)

Die Methoden zur visuellen Veranschaulichung unserer Arbeit sind so gewählt, dass sie aufeinander aufbauen und sich sinnvoll ergänzen. Der Lageplan, der sich zweidimensional auf den städtebaulichen Kontext konzentriert, wird ergänzt durch die räumliche Darstellung in Form von Perspektiven. Des Weiteren zeigen sich diese immer aus einem einheitlichen Standpunkt und Betrachtungswinkel, sodass die Vergleichbarkeit untereinander optimal gegeben ist. Die Explosionszeichnung bildet ein visuelles Fazit, da sie in einer einzigen Zeichnung die gesamte bauliche Veränderung des Areals abstrakt und verständlich widergibt.

Mit der folgenden Arbeit, bieten wir den Betrachter*innen eine Vielfalt an architektonischen Vermittlungsmethoden und machen die Geschichte des „Phänomens Herrengartens“ auf einen Blick begreifbar.

Die Betrachtung geht: von einem prachtvollen Lustgarten, über eine Grünfläche, ein neu gebautes Finanzamtsgebäude, Zerstörung durch den Krieg, Wiederaufbau nach dem Krieg mit Erweiterungsbau, bis hin zur Umnutzung zum heutigen Universitätsgebäude und dem Plan, vor dem Gebäude wieder eine städtische Parkanlage zu realisieren.

2. Modellbau (Katrin Bilenbach, Mahmud Mohammed und Konrad Alexander Schmidt, Department Architektur, Universität Siegen)

Kommunikationsmedium Architekturmodell

Die Werkzeuge der Architekt*innen haben sich in unserer heutigen Gesellschaft rasant weiterentwickelt. Eine/n Architekt*in sieht man wohl heute nicht mehr über Kohlezeichnungen am Zeichenbrett sitzen.

Heute finden Visualisierungen viel mehr in der virtuellen, fotorealistischen Welt in Form von Renderings statt. Doch trotz schnellem Wandel und aller Modernisierung, ist und bleibt der erste Schritt, um Gedanken und Entwürfe zu visualisieren, die Handskizze.

Allerdings wurde auch die Zeichnung längst als wichtiges Kommunikationsmedium in der Architektur durch dreidimensionale Modelle abgelöst bzw. in ihrer Aussagekraft ergänzt. Die Möglichkeit, Architektur virtuell darstellen zu können und Gebäude so in Echtzeit zu ‚durchlaufen‘, gehört, genau wie die Nutzung von CAD-Programmen, zum Alltag einer/s modernen Architekt*in. Diese Art von Modell ist hier allerdings nicht gemeint. Wir zeigen physische, haptische und begreifbare Architekturmodelle.

Diese Modelle sind proportionale Verkleinerungen, welche eine vereinfachte Darstellung eines realen oder fiktiven Gebäudes darstellen. Angefertigt werden diese in verschiedenen Maßstäben und Ausführungsgraden und stellen im Wesentlichen die Kubatur eines Entwurfs dar.

Um einen Puppenhauseffekt oder Miniatureffekt zu vermeiden, werden architektonische Modelle meist nur in weiß gefertigt, d.h. auf unnötige Details und Farben wird verzichtet. Die häufigsten verwendeten Materialien sind Pappen, Holz, Styrodur, Kunststoffe oder Gips.

Je kleiner der Maßstab eines Modells, desto größer wird in der Regel auch der Abstraktionsgrad des Dargestellten. Die Modelle dieses Projektes vom Herrengarten-Gebäude in Siegen wurden mit Graupappe im Maßstab 1:100 angefertigt.

Trotz aller Sachlichkeit, sind Modelle dennoch maßgeblich für die Veranschaulichung, Ideen- und Formfindung, Entscheidungsprozesse und die Auseinandersetzung mit räumlicher Darstellung.

So stellen Modelle neben Zeichnungen, den wichtigsten Teil einer Darstellung in Präsentationen dar. Es ist eines der wertvollsten Arbeits- und Entwurfswerkzeuge der/s Architekt*in und soll helfen, räumliche Zusammenhänge zu erfassen und zu bewerten. Sie stellen zentrale Ideen, Entwürfe oder Konzepte dar, haben überwiegend eine praktische Funktion und erleichtern und unterstützen die Vorstellungskraft. Zusätzlich lassen sie Spekulationen zu dem vorweggenommenen Raum und seiner Atmosphäre zu.

Allerdings dienen Modelle nicht nur zum Verständnis und zur Veranschaulichung; sie werden außerdem für Simulationen verschiedener Art, wie Belichtungs-/Schatten-/ Aerodynamik-/ konstruktive Belastungs-Simulationen verwendet.

Letztlich hat die vielfältige Nutzung der maßstäblichen Darstellung eines Entwurfs in Form eines gebauten Architekturmodells seine Wichtigkeit über die letzten Jahrzehnte stets bewiesen. Das Modell stellt nach wie vor einen wichtigen Schwerpunkt der Arbeit von Architekt*innen dar und kann die Phantasie anregen.

3. Handzeichnungen Zustand 2018 (Sandra Knöbel, Department Architektur, Universität Siegen)

Perspektivische Zeichnungen des Treppengeländers

In der Architektur ist die Zeichnung ein wichtiges Darstellungsmittel, um ein Gebäude zu formen, zu planen und um es letztendlich zu realisieren. Dazu gehören vor allem die Bau- und Architekturzeichnungen. Die Bauzeichnungen dienen den Gewerken als Grundlage zum Bauen eines Objektes und die Architekturzeichnungen werden unter anderem für die Ideenentwicklung und -verbildlichung verwendet. Hierfür spielt die Fähigkeit eines guten räumlichen Vorstellungsvermögens, in der Vorstellungskraft räumlich zu denken und zu sehen, eine bedeutende Rolle.

Ausgangspunkt dieser Zeichnungen war die Fragestellung, ob das Ornament im Treppengeländer ein Hakenkreuz ist. Die zeichnerische Dokumentation des Treppengeländers des Gebäudes ermöglicht eine genaue Betrachtung der Umgebung, eben das genaue Hinsehen und Verstehen.

Die entstandenen Zeichnungen helfen das Treppengeländer aus verschiedenen Perspektiven zu identifizieren und zu veranschaulichen.

Hakenkreuze in der Universität? Was tun?

(Lehrstuhl für Mediengeschichte/Visuelle Kultur)

Gemäß §86a StGB ist in der Bundesrepublik Deutschland das Zeigen und die Verwendung des Hakenkreuzes als verfassungsfeindliches Symbol unter Strafe gestellt, sofern es nicht der Aufklärung oder der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen dient (siehe hierzu: Deutsches Historisches Museum: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/innenpolitik/das-hakenkreuz.html)

Kann man davon ausgehen, dass bereits im Jahr der Errichtung des Finanzamtes das Hakenkreuz als nationalsozialistisches Symbol in Siegen allgemein deutbar war? Die NSDAP hatte das Symbol seit 1920 für ihre Propaganda im Gebrauch. 1933 wurde es offiziell NS-Symbol und 1935 Staatssymbol des „Dritten Reiches“. Die Literatur zur NS-Zeit in Siegen verweist darauf, dass die Bevölkerung in Siegen vor 1933 überwiegend deutsch-national eingestellt war (Siehe Raimund Hellwig, Siegen unter dem Hakenkreuz. Ein alternativer Stadtrundgang, Siegen 2011). In Siegen gab es aber bereits 1924 erste nationalsozialistische Gruppierungen und 1929 lag der Stimmentscheid für die NSDAP weit über dem des Reichsergebnisses (siehe hierzu: Friedrich Opfermann, Siegerland und Wittgenstein im Nationalsozialismus Personen, Daten, Literatur, Siegen 2000, S. 182). D.h. man kann davon ausgehen, dass 1927 für den Finanzamtbau durch die ausführenden Handwerker das Hakenkreuz durchaus bewußt ornamental verarbeitet wurde.

Auf der Suche nach ähnlichen Treppengeländern in öffentlichen Gebäuden sind wir bei unseren Recherchen auf das Rathaus Sonneberg gestoßen, welches ebenfalls 1927/1928 erbaut wurde. Auch hier wurden einige Besucher*innen in der Gegenwart beim Anblick des Treppenaufganges stutzig: In die ornamentale Struktur des Treppengeländers sind Hakenkreuze eingearbeitet.

Angestoßen durch einen Leserbrief reagierte die Zeitung „Freies Wort“ in Sonneberg und veröffentlichte am 14.07.2011 einen Artikel, in dem der Kreisheimatpfleger Thomas Schwämmlein Stellung bezieht. Danach wurde das Gebäude nach den Plänen des damaligen Stadtbaudirektors und SPD Mitglied Karl Dörner gebaut. Kennzeichnend für die architektonische Struktur seien Formen und Elemente, die sowohl dem Neoklassizimus als auch dem Art déco zugeordnet werden können. Unter der Berücksichtigung der damaligen politischen Situation und der architektonischen und ikonographischen Ausgestaltung des Gebäudekomplexes hält Thomas Schwämmlein eine antisemitistische Bedeutung für unwahrscheinlich. Er verweist hier auf den Entstehungskontext des Sonneberger Rathauses: Als Tor zur Stadt wurde das Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite des Hauptbahnhofs errichtet. Mit dem Bau des neuen Rathauses sollte eine neue Epoche des wirtschaftlichen Aufschwungs eingeläutet werden. Der Kreisheimatpfleger betont, dass dieser Aufschwung auch von Demokratie geprägt war. So brachte der Bildhauer Edmund Meusel Reliefs an den Treppenaufstiegen und an die Brüstung des Balkons an, die repräsentativ für demokratische Werte stehen. Dies und der Aspekt, dass die damalige Stadtadministration von der SPD dominiert wurde, spricht seines Erachtens gegen eine antisemitistische Lesart der Ornamente, gänzlich ausgeschlossen werden könne dies allerdings nicht.

In der Hoffnung, bei der Verwaltung der Universitätsstadt Siegen Antworten auf unsere Fragen und institutionelle Unterstützung zu finden, haben wir das Sekretariat des Bürgermeisters aufgesucht. Beim Anblick einer fotografischen Abbildung des Treppengeländers in unserem Gebäude Herrengarten wurde die Problematik und das Hakenkreuz sofort von den Stadtabgeordneten erkannt. Ob und was in diesem Fall zu tun ist, bleibt allerdings unklar. Wir studentischen Mitarbeiterinnen bekamen schließlich den Rat, den Eigentümer des Universitätsgebäudes ausfindig zu machen und ihn um eine Stellungnahme zu bitten.

Das Gebäude ist von 1927, also aus einer Zeit, in der die Nationalsozialisten in ganz Deutschland und besonders in Siegen gesellschaftlichen und politischen Einfluss gewinnen, noch bevor 1933 die Nationalsozialisten mit großer Mehrheit gewählt werden. Denkbar ist, dass sich eine NS-Gesinnung (etwa 5 Jahre vor dem ‚Machtwechsel‘) schon eingenistet hatte und Architekten wie Handwerker diesem Symbol gegenüber aufgeschlossen waren. Denkbar wäre auch, ein listiger Handwerksbetrieb, der das Hakenkreuz in dieser Form in einem ornamentalen Mäander quasi versteckt.

In den 1920er Jahren werden große und wichtige öffentliche Gebäude mit staatstragender Funktion wie Finanzamt, Rathaus, Justizgebäude, Theater (übrigens existiert in Siegen noch die Fassade des Apollo-Theaters, das einstmals ein ‚reiner‘ faschistischer Bau war) in sehr verschiedenen Stilen und in sehr unterschiedlicher Ausstattung gebaut. Als Kontrapunkt zum Siegener Finanzamt in der Provinz kann das „Haus des Reichs“ in der Bremer Innenstadt gesehen werden. Das Kontorhaus der weltweit agierenden Nordwolle wurde zwischen 1928 und 1931 gebaut. Es ist ein prunkvolles Gebäudes das die künstlerischen Stile von Expressionismus und Art déco vereint. (Siehe die Homepage der Senatorin für Finanzen: https://www.finanzen.bremen.de/ressort/amtssitz_haus_des_reichs-1277)

Nach dem Konkurs des Unternehmers 1934 übernahmen die Nationalsozialisten das Gebäude in der Regie des Reichsfinanzministeriums und benannten es in „Haus des Reichs“ um. Noch heute sind in dem Gebäude das Finanzamt und die Senatorin für Finanzen untergebracht. Seine kunstvolle Innenausstattung mit Dekor und Ornamenten des Art déco steht im Gegensatz zu dem fast gleichzeitig erbauten klobigen Treppenhaus des Siegener Finanzamtes. Sicherlich gab es in der Provinz eine andere Haltung zu Architektur und Bau-Ornamentik als in der Großstadt und in der Konkurrenz der fürstlich agierenden Kaufleute. Wollte man in der Provinz einen eigenen Stil kreieren?

Bereits 1915 hatte ein Historiker resümiert: „Der Sinn der Siegerländer Bevölkerung war stets auf das Praktische und Naheliegende gerichtet. Die Pflege geistiger und künstlerischer Interessen lag dem Siegerländer stets fern.“ (Dieter Pfau, Siegerland: eine entlegene Landschaft? Eine Annäherung an die neuere Kulturgeschichte der Region, in: Bernd Rusinek / Andreas Kühn (Hg.), S. 223)

Vielleicht liegt in dieser Beschreibung einer Mentalität die Idee für die Abkehr von zeitgenössisch künstlerischen Ausführungen für das Innere des Finanzamtes in Siegen, und wir sollten in unserer Interpretation nicht so sehr von unserer Vorstellung von Provinz und provinziellem Geschmack getrieben sein? In der Siegener Zeitung von 1927 wird allerdings mit Stolz der Einsatz vom Mamor beschrieben, was – ebenso wie der Adler über dem Eingangsportal – offenbar die Nobilitierung des Gebäudes hervorheben sollte.

Auf den Fotografien des zerstörten Finanzamtes sind Teile des pompösen Eingangs mit Adler noch zu sehen; sie wurden beim Wiederaufbau des Gebäudes geschleift.

Ist es also Renitenz gewesen, die dazu führte, dass man die Treppe 1950 in den Grundzügen lediglich ausbesserte, dem Handlauf und der Füllung mit dem Hakenkreuz-Mäander einen neuen Farbanstrich gab? Oder waren es ökonomische Gründe, dass man nicht erneuerte oder beides? Auf jeden Fall haben wir heute ein architektonisches Zeichen als Überlieferung aus einer Zeit, in der Siegen politisch und gesellschaftlich sehr schnell auf dem Weg in den Nationalsozialismus war. In den späten 1920er Jahren gab es bereits große Veranstaltungen mit nationalsozialistischen Politikern im Kaisergarten.

Unabhängig davon, mit welcher Intention die Ornamente, sowohl in das Sonneberger Rathaus, als auch in das heutige Universitätsgebäude in der Universitätsstadt Siegen eingebarbeitet wurden, bleibt die Frage: Wie gehen wir aus unserer heutigen Perspektive damit um, dass sich in einem öffentlichen Gebäude ein Treppengeländer befindet, welches aus visuellen und symbolischen Elementen besteht, die in der deutschen Geschichte repräsentativ für Gewalt, Antisemitismus und Rassismus sind?

Wir sind der Meinung, dass die Universität Siegen diesem baulichen Detail in ihrem Gebäude einen öffentlich sichtbaren Kommentar hinzufügen sollte.

Für die Mediengeschichte: Prof. Dr. Susanne Regener (https://www.mediengeschichte.uni-siegen.de)

Für die Architektur: Prof. Antje Freiesleben (https://geaf.architektur.uni-siegen.de)

 

Literaturempfehlungen

Andreas Bingener/ Michael Stojan: „Und würdig wohnt im Neuen das Gewesene …“. Wiederaufbau in Siegen – Liebe auf den zweiten Blick, Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein, Siegen 2013.

Dieter Pfau: Christenkreuz und Hakenkreuz: Siegen und das Siegerland am Vorabend des >>Dritten Reiches<<, Bielefeld/ Gütersloh 2000.

Dieter Tröps/ Horst Braunöhler: Damals bei uns in Siegen. Vorkriegszeit – Bomben – Zerstörung – Wiederaufbau. Eine Bilddokumentation, Siegen 1994.

Günther Simony: Zerstörung und Wiederaufbau in, Wilhelm Güthling (Hg.): Siegen im Wiederaufbau: Festschrift aus Anlaß der 725-jährigen Wiederkehr der Neugründung der Stadt Siegen und des 100-jährigen Bestehens der Industrie- und Handelskammer Siegen, Siegen 1949, S. 26-30.

Hans Klappert: Gesichter einer Stadt. Siegen von 1933 – 1950 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Siegen und des Siegerlandes, Bd. 8), Siegen 1993.

Hans Klappert: Siegen. Dreißiger- bis Siebzigerjahre, Die Reihe Archivbilder: Bildband, Erfurt 2002.

Paul Neiner: Siegen wie es früher einmal war: ein Foto-Spaziergang, mit Aufnahmen von Paul Neiner, hg.v. Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein e.V.,  Siegen 2010.

Raimung Hellwig: Siegen unter dem Hakenkreuz: ein alternativer Stadtrundgang, Siegen 2011.

Ulrich Opfermann: Siegerland und Wittgenstein im Nationalsozialismus. Personen, Daten, Literatur. Ein Handbuch zur regionalen Zeitgeschichte, Siegen 2001.

Hier finden Sie die Druckfassung als PDF